StartPolitikPM // Projekt "Demokratie Unplugged" / Fachtag in der Schnitzmühle

PM // Projekt „Demokratie Unplugged“ / Fachtag in der Schnitzmühle

Was ein Zaun, ein ehemaliger Supermarkt und ein Tonklumpen mit Demokratie zu tun haben: Der erste Fachtag von „Demokratie Unplugged“ in der Schnitzmühle lieferte überraschende Antworten. Und neue Fragen.

Viechtach. Muss Kunst die Demokratie stärken, Menschen verbinden, die Gesellschaft verbessern? Oder darf sie einfach Kunst sein – unbequem, eigensinnig und frei von jedem Auftrag? Mit Fragen wie diesen beschäftigten sich rund 50 Gäste aus Kultur, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft beim ersten Fachtag „Die Kunst der Demokratie – Gemeinsam gestalten“. Eingeladen hatte das Aller.Land-Projekt „Demokratie Unplugged – Kunst für alle“ in die herbstliche Schnitzmühle, irgendwo zwischen Bayerischem Wald und einem Hauch Kanada.

Dass Demokratie dabei nicht zwangsläufig mit Wahlzetteln, Parteien oder dem Bundespräsidenten zu tun hat, brachte Projektleiterin Anna-Helena Klumpen in ihrer Begrüßungsrede auf den Punkt: Es geht um Werte, Beteiligung und Aushandlungsprozesse. Darum, wie Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen miteinander umgehen und gemeinsam etwas gestalten. Kunst kann dafür Räume öffnen.

Muss Kunst nützlich sein?

Wie frei Kunst dabei sein muss, zeigte Kunsthistorikerin Anja Heitzer von der Pinakothek der Moderne München. Die gebürtige Furtherin stellte die von ihr mitkuratierte Ausstellung „Könnt ihr noch? Kunst & Demokratie“ vor, die noch kürzlich auf Herrenchiemsee gastierte. Darin ging es um persönliche Erinnerungen, gesellschaftliche Brüche und die Frage, welche Rolle Kunst in einer Demokratie spielt. Die Antworten fallen durchaus widersprüchlich aus: Während manche Kunst als Brücke zwischen unterschiedlichen Lebenswelten verstehen, halten andere schon die Forderung, sie müsse Demokratie stärken, für problematisch. Heitzer selbst betonte, dass bereits die Möglichkeit, Kunst frei zu schaffen und zu zeigen, Ausdruck einer funktionierenden Demokratie sei.

Landrat Dr. Ronny Raith lieferte dazu den juristischen Unterbau. Er versprach „geistige Klimmzüge ohne PowerPoint“ und folgte den Spuren der Kunst durch Menschenrechte, Grundgesetz und Bayerische Verfassung. Seine Erkenntnis: Kunstfreiheit ist rechtlich geschützt, und in Bayern ist sogar die staatliche Förderung von Kunst und Kultur verfassungsrechtlich verankert. Ein Anspruch auf den persönlichen Förderbescheid ergibt sich daraus allerdings nicht.

Ein Zaun, ein Supermarkt, ein Stück Ton

Wie das alles jenseits von Paragrafen aussieht, zeigten die aktuellen Residenzprojekte von „Demokratie Unplugged“. Das „Fuxi Kraxi“-Kollektiv mit Doris Hofmann, Sabine Schertler und Matthias Wolf hat in Kollnburg einen ehemaligen Nahversorger zum kreativen Begegnungsort umgestaltet. Im „Edeka dosama“ wird gemeinsam gewerkelt, musiziert und experimentiert. Die Filmemacherin Verena Wagner und der Architekt Julius Kress wollen mit „Grenzraum – Let’s make it fencey“ zeigen, wie aus einem Zeichen der Abgrenzung ein gemeinschaftlich gestalteter Ort werden kann. Dafür nehmen sie unter anderem ein bestehendes Zaunstück im Zwieseler Stadtpark ins Visier. Besonders eindrücklich: „Tonspuren – Geschichten einer Gemeinschaft“ von Keramikkünstlerin Linda Stobbe. Sie gibt älteren Menschen, darunter Menschen mit Demenz, Ton in die Hände. Keine Fragen, kein Drängen. Während die Finger formen, kommen Erinnerungen von selbst. Ein schwer an Demenz erkrankter ehemaliger Feinhandwerker bearbeitet mit erstaunlicher Geduld einen Handschmeichler. Andere erzählen unvermittelt aus der Nachkriegszeit. Stobbe hält ihre Geschichten in Tonaufnahmen fest.

Anschließend durften auch die Fachtagsgäste selbst Hand anlegen: mit Collagen und Linolschnitt bei „Fuxi Kraxi“, am Modell für das Zwieseler Zaunprojekt oder beim freien Arbeiten mit Ton. Aus Zuhörenden wurden Mitgestaltende.

Ein Bild sagt mehr als ein Protokoll

Währenddessen hielt Illustratorin Marie Geissler den Nachmittag in einem live entstehenden Graphic Recording fest – ein buntes Geflecht aus Gedanken, Zitaten und Eindrücken. Durch den Fachtag führten Teresa Raith vom Bild-Werk Frauenau und Judith Bauernfeind vom Schiesslhaus AiR, gemeinsam mit Projektleiterin Anna-Helena Klumpen vom Landkreis Regen.

„Demokratie Unplugged – Kunst für alle“ wird im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Aller.Land – zusammen gestalten. Strukturen stärken“ umgesetzt. Der Landkreis Regen, das Schiesslhaus AiR Kollnburg und das Bild-Werk Frauenau bringen dafür Kunstschaffende mit Menschen aus der Region zusammen. Der Fachtag soll künftig jährlich stattfinden.

Ob Kunst die Demokratie retten muss, blieb offen. Dass sie Menschen ins Gespräch und manchmal auch ans gemeinsame künstlerische Schaffen bringt, war dagegen kaum zu übersehen.

Das Projekt DEMOKRATIE UNPLUGGED — KUNST FÜR ALLE ist Teil des Programms „Aller.Land – zusammen gestalten. Strukturen stärken.

Bild: Marie Geissler

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