SPD-Landtagsabgeordnete Ruth Müller: Historisches Unrecht an gehörlosen Menschen anerkennen und gesellschaftliche Teilhabe stärken
Landshut/München. Jahrzehntelang wurde gehörlosen Kindern an bayerischen Schulen die Verwendung der Gebärdensprache untersagt oder massiv erschwert. Wer sich dennoch in seiner eigenen Sprache verständigte, musste häufig mit körperlichen Strafen und Demütigungen rechnen. Mit diesem dunklen Kapitel der bayerischen Bildungsgeschichte hat sich am Donnerstag der Ausschuss für Arbeit und Soziales, Jugend und Familie im Bayerischen Landtag in einem Fachgespräch befasst.
Mehr als 140 Betroffene aus ganz Bayern haben dem Landesverband Bayern der Gehörlosen ihre Erfahrungen geschildert. Ihre Berichte zeigen, dass die damalige Praxis nicht nur großes persönliches Leid verursachte, sondern auch die Bildungs- und Berufschancen vieler gehörloser Menschen beeinträchtigte. Die Folgen reichen bis heute.
„Es macht mich betroffen, zu lesen, was gehörlose Kinder über Jahrzehnte hinweg an unseren Schulen erleben mussten. Dass ihnen die Möglichkeit genommen wurde, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, und sie dafür sogar bestraft wurden, ist ein Unrecht, das wir nicht kleinreden oder unter den Teppich kehren dürfen“, erklärt die SPD-Landtagsabgeordnete Ruth Müller. Sie unterstützt die Forderung des Landesverbands nach einer ehrlichen Aufarbeitung und Anerkennung des erlittenen Unrechts.
Für Müller ist dabei entscheidend, aus den Erkenntnissen der Vergangenheit Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. „Wir können das Leid nicht ungeschehen machen. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass gehörlose Menschen heute und in Zukunft die gleichen Chancen auf Bildung, berufliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe erhalten. Die Fehler der Vergangenheit müssen uns Ansporn sein, es besser zu machen.“
Hochschule Landshut als positives Beispiel für gelebte Inklusion
Dass sich in den vergangenen Jahren bereits einiges bewegt hat, zeigt für Müller auch der Studiengang Gebärdensprachdolmetschen an der Hochschule Landshut. Gemeinsam mit der ersten gehörlosen Bundestagsabgeordneten Heike Heubach hatte sie die Hochschule besucht und sich über die Ausbildung und die Herausforderungen gehörloser Menschen ausgetauscht.
„Mit dem Studiengang Gebärdensprachdolmetschen haben wir hier in Landshut ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wir Barrieren abbauen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen können. Darauf können wir stolz sein“, betont Müller. Gut ausgebildete Dolmetscherinnen und Dolmetscher seien eine wichtige Voraussetzung dafür, dass gehörlose Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Doch dabei dürfe es nicht bleiben. Müller spricht sich dafür aus, den Zugang zur Deutschen Gebärdensprache für alle Menschen zu erleichtern und entsprechende Lernangebote auch an allgemeinbildenden Schulen auszubauen. „Warum sollte es nicht genauso selbstverständlich sein, Gebärdensprache zu lernen wie Englisch oder Französisch? Inklusion funktioniert nur, wenn wir bereit sind, aufeinander zuzugehen und miteinander zu kommunizieren.“
Auch die Einführung eines bayerischen Gehörlosengeldes bleibt für Müller eine wichtige Forderung. Es soll gehörlose Menschen bei der Bewältigung behinderungsbedingter Mehrkosten unterstützen und damit einen Beitrag zu mehr Selbstbestimmung und gleichberechtigter Teilhabe leisten.
„Das Fachgespräch darf nicht nur dazu dienen, auf die Fehler der Vergangenheit zurückzublicken. Es muss uns auch daran erinnern, dass Inklusion keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Aufgabe, an der wir jeden Tag weiterarbeiten müssen“, so Müller abschließend. „Früher wurde gehörlosen Menschen ihre Sprache genommen. Heute muss unser Ziel sein, dass möglichst viele Menschen diese Sprache lernen können. Denn eine inklusive Gesellschaft entsteht dort, wo wir Barrieren abbauen, statt neue zu errichten.“
Foto: Anita Frischhut




